Alte Wagnerei Fellbach

Behutsame Rekonstruktion eines Baudenkmals

Das Gebäude Vordere Straße 1/3 in Fellbach wurde ursprünglich im 15. Jahrhundert erbaut. Der Gewölbekeller lässt diesen Rückschluss zu. Das bis heute erhaltene Fachwerk stammt aus dem Jahr 1693. Diese Rahmendaten verdeutlichen die außerordentliche Bedeutung dieses Bauwerks.

Wie kann und soll man ein solches Gebäude den heutigen Erfordernissen in Bezug auf Wohnkomfort und Energieverbrauch anpassen ohne seine Geschichte zu zerstören? Ein umsichtiger Architekt, qualifizierte Ingenieure und kundige Handwerker haben dieses Kunststück fertiggebracht. Und natürlich eine mutige und leidensfähige Bauherrschaft.

Historie
Der älteste Teil des Hauses Vordere Straße 1/3 ist der bis heute weitgehend original erhaltene Gewölbekeller. Er stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist damit der älteste bekannte Gewölbekeller in Fellbach. 1693 wurde vermutlich das Fachwerkhaus errichtet. In der Denkmalliste ist das Gebäude als Weingärtnerhaus ausgewiesen.

Natursteinsockel
Der Natursteinsockel bildet die Tragkonstruktion des Fachwerkgebäudes. Hier sind die historischen Fenster noch erhalten. Diese wurden in Abstimmung mit der Unteren Denkmalbehörde saniert. Die aus heutiger Betrachtungsweise notwendige energetische Gebäudehülle, wurde unter anderem durch sogenannte Kastenfenster, mit rückliegenden Fenstern in der ca. 60 cm dicken Natursteinwand realisiert.

Die Architekten und Ingenieure Weinstadt bilden eine Kooperative und arbeiten projektbezogen in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Von AIW werden folgende Bereiche abgedeckt: Beratung, Entwurf, Planung, Statik, Bauphysik, Bauleitung, Energieberatung, Sanierung, Denkmal und Wertermittlung. Damit können Bauherren mit unterschiedlichsten Anforderungen immer perfekt bedient werden.

WERKREPORT: Herr Weinmann, wie sind sie mit den Bauherren dieses Projekts in Kontakt gekommen?

Thomas Weinmann: Herr Funk hatte für die Familie Müller bereits einen aufwendigen Umbau geplant und durchgeführt. Jetzt waren die Bauherren auf der Suche nach einem Denkmalobjekt. Dazu haben wir drei Objekte begutachtet. Bei näherer Betrachtung wurden aber stets Ausschlusskriterien gefunden. Bereits seit 2007 hatte ich auch die alte Wagnerei Burgel in Fellbach im Auge. Der Besitzer des Gebäudes war an einer Sanierung nicht interessiert und suchte gemeinsam mit der Stadt Fellbach nach einer Lösung. So konnten wir das Objekt und die Käufer zusammenbringen und dabei unsere Erfahrung in der Denkmalsanierung, die wir seit 2002 gesammelt haben, einbringen. Das Gebäude erwies sich als im Kern sanierungsfähig und auch der Kaufpreis ließ genug Luft für eine sachgerechte und nachhaltige Sanierung.

WERKREPORT: Herr Funk, wie war die Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft?

Uwe Funk: Das Ehepaar Müller hat das Projekt sehr engagiert begleitet. Wenn Entscheidungen zu treffen waren, wurde immer nach bestandserhaltenden Lösungen gesucht. Auch im Detail hat vor allem Frau Müller keine Diskussion gescheut und stets im Einklang mit dem Vertreter des Denkmalamtes für Lösungen gekämpft, die dem Charakter des Gebäudes gerecht werden. Nur wenn ein Bauteil unwiederbringlich zerstört war, konnten wir über modernen Ersatz nachdenken. Das war zum Beispiel beim Treppenhaus der Fall. Im Nachhinein fast ein Glücksfall, da die Erschließung der Stockwerke und Wohnungen so besser organisiert werden konnte. Wir haben sehr gerne mit dem Ehepaar Müller zusammengearbeitet. Solche Bauherren wünscht man sich!

WERKREPORT: Herr Weinmann, bei einem Denkmalobjekt geht man bei der Sanierung immer auch ein finanzielles Risiko ein, da man während der Bauphase durchaus mit Unwägbarkeiten rechnen muss. Wie konnten Sie dieses Risiko möglichst gering halten?

Thomas Weinmann: Insbesondere bei der Kostenabschätzung und Budgetplanung ist Erfahrung durch nichts zu ersetzen. Wir haben den kalkulierten Kostenrahmen am Ende sogar knapp unterschritten. Hier möchte ich explizit auch die beteiligten Handwerker erwähnen. Ohne ihr Fachwissen und die Sensibilität für die Besonderheiten eines historischen Gebäudes wäre das Ergebnis nicht so überzeugend gelungen.

WERKREPORT: Herr Weinmann, Herr Funk, wir danken ihnen für das Gespräch.
 
Gewölbekeller
Der Gewölbekeller stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist damit der älteste bekannte Gewölbekeller in Fellbach. Nachdem aller Schutt und Unrat beseitigt war, zeigt sich das Mauerwerk in erstaunlich gutem Zustand. Der Keller wird heute wieder als Weinkeller genutzt.
 
Liebe zum Detail
Die Liebe zum Detail zeigt sich auch an der Elektroinstallation. Auf dem Bild von Michael Siebold (oben links) ist die vor der Sanierung verbaute Schalterserie zu sehen. Rechts davon, nach der Sanierung, die optisch ähnliche Serie, allerdings nach aktueller ISO-Norm mit Schuko-Steckdose.
 
Dachstuhl
Der Dachstuhl ist nahezu vollständig erhalten. Die Auswertung der Hölzer, auf Grund der Jahresringe, hat das Entstehungsjahr 1692/1693 ableiten lassen. Die eingesetzten Fichtenhölzer wurden im Winter 1692 geschlagen und über den Neckar nach Fellbach befördert. Darauf deuten die sogenannten Wiedlöcher hin. Mit Wieden (Seilen) haben Flößer die Baumstämme zusammengebunden, um sie auf dem Wasser zu befördern. Einige Balken sind sogar älter und stammen aus früher errichteten Gebäuden.

Die Dachkonstruktion ist eine Mischung aus liegendem und stehendem Dach- stuhl. Das gesamte Holzwerk wurde mit einem, das Holz schonende, Trockeneisreinigungsverfahren zu neuem Leben erweckt. Die Hölzer wurden dann mit Öl/Wachs eingelassen und sind für die nächsten Jahrzehnte der Nutzung gewappnet.
 
Tragwerk
Auf dem massiv errichteten Sockel ist aus statischer und konstruktiver Sicht ein sehr gut strukturiertes Fachwerkgebäude erbaut worden. Dies hat den Planern die Arbeit einfacher gemacht. Auf Grund der heutzutage anzusetzenden Lastannahmen sind dennoch behutsame Eingriffe notwendig gewesen. Andererseits konnten alle relevanten Elemente erhalten werden. Diese sind im Einzelnen: Andreaskreuze, sowie halbe und ganze „Männerfiguren“. Auf die vorhandene Grundrisseinteilung wurde durch die Planung weitestgehend eingegangen.

So konnte der Originalzustand auch in diesem Bereich gut erhalten werden. Um den heutigen Anforderungen nach einem großzügigen Raumgefühl entgegenzukommen wurden teilweise die Ausfachungen aus den oberen Bereichen von Wänden entfernt.

Stube / Herrenzimmer
Im ersten Stock befindet sich eine herrschaftliche Stube mit Holzvertäfelungen an den Wänden und einer Kassetten- decke. Ausstattungsgegenstände wie beispielsweise ein kleiner Wandhaken, lassen darauf schließen, dass die Prunkstube auf ein eher außergewöhnliches Haus schließen lässt. Möglicherweise diente dieser Raum als Gaststube. Diese ist nach Süd-Westen ausgerichtet. Dort befand sich ein Holzofen der die Stube erwärmte. Das Bild auf Seite 8 zeigt die Stube unmittelbar vor der Sanierung. An der Wand eine Ehrenurkunde und der Meisterbrief von Wilhelm Burgel.

Die Kassettendecke konnte erhalten werden und auch die Wandvertäfelung wurde von Tapeten befreit, die teilweise angebracht waren. So konnte die Wandverkleidung weitgehend im Originalzustand erhalten werden. Gleiches gilt für den Dielenboden im Herrenzimmer. Heute dient dieser als Bühne für einen Eames-Loungechair mit Ottomane.

Wo immer möglich wurden die Dachbalken freigelegt und als gestalterische Elemente integriert. Die hölzerne Wandverkleidung in der wurde aus Brettern gefertigt, die sich auf dem Dachboden fanden.

Ein Gespräch mit den Bauherren Müller: »Wir würden es jederzeit wieder machen!«

Im Oktober 2013 wurde diese Arbeit aufgenommen. Auch für die gute Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt ist eine bauhistorische Untersuchung vorteilhaft. Es konnte genau aufgezeigt werden, aus welcher Epoche welche Bauteile stammen. Somit war auch klar, wo Änderungen problemlos möglich sind und wo vor einem Eingriff in die historische Substanz Abstand zu nehmen ist.

Frau Müller: Ein besonderes Problem konnte bei anhaltendem Starkregen im Keller besichtigt werden. Dabei schwammen schon mal die Weinflaschen auf einem kleinen See. Mir war es ein besonderes Anliegen gut mit der Denkmalbehörde zusammenzuarbeiten. Über die Bauzeit haben wir ein sehr vertrauens- volles und enges Miteinander mit unserem Ansprechpartner Christoph Kleiber vom Regierungspräsidium Stuttgart und Herrn Jürgen Schumacher von der Stadt Fellbach entwickelt.

WERKREPORT: Lässt sich bei einem solchen Projekt immer verhindern, dass man während der Bauzeit vor einer unangenehmen Überraschung steht?

Frau Müller: Allgemein kann ich diese Frage nicht beantworten, aber in unserem Fall ist uns das erspart geblieben. Ich denke, dass eine sorgfältige Bestandsaufnahme, die Planung und Kalkulation durch erfahrene Architekten und Ingenieure, sowie die Ausführung durch profunde Handwerker der Schlüssel zum Erfolg sind.

Herr Müller: Die ursprüngliche Bauweise und Ausführung bei unserem Gebäude war sehr solide. Das hat sich bei der Sanierung gezeigt und davon profitieren wir bis heute.

WERKREPORT: Welche Tipps haben Sie für Bauherren in einer ähnlichen Situation, wie der ihren?

Frau Müller: Eine bauhistorische Untersuchung halte ich für eine sehr gute Investition, um Ärger mit dem Denkmalamt zu vermeiden. Bei allen Partnern in den Bereichen Planung und Ausführung würde ich auf die Erfahrung und die Referenzen achten. Außerdem ist es sehr wichtig, sich mit dem Projekt zu identifizieren und seine Vorstellung einzubringen. Mir war es zum Beispiel besonders wichtig, die alten Schüsselbretter vor  einigen Fenstern wieder zu installieren. Dabei wurde vom Schlosser die Frage der Tragfähigkeit gestellt. Da es hier keine Normen gibt, haben wir uns darauf verständigt, dass die Bretter mindestens zwei Bierkästen tragen müssen. Im Moment sehen wir meistens Kräuter auf den Brettern, aber im Winter kann man so seine Getränke kühlen.

WERKREPORT: Würden Sie ein solches Projekt nochmal in Angriff nehmen?

Ehepaar Müller: Jederzeit!

WERKREPORT: Frau Müller, Herr Müller, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hinweis: Diesen Werkreport gibt es auch als gedruckte Ausgabe solange der Vorrat reicht. Sprechen Sie uns an, damit wir Ihnen auf Wunsch ein Exemplar zusenden können.


Bilder nach der Sanierung: Volker Banaditsch
Bilder vor der Sanierung: Michael Siebold

 

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